Arbeitslos - was nun?

Arbeitslos - was nun?
Nathalie Stimpfl

Sonja Marth hat in ihrer 30-jährigen Tätigkeit beim Arbeitsmarktservice bereits fast in jeder Abteilung gearbeitet und ist nun seit 2019 die Geschäftsleiterin der regionalen Geschäftsstelle in Stegersbach. In einem ausführlichen Gespräch, verrät Sie uns die derzeitige Lage am Arbeitsmarkt, die Auswirkung der Covid-19-Krise aus ihrer Sicht und welche Möglichkeiten sich für Arbeitslose dadurch ergeben könnten.

Im Gespräch mit Videk

Videk: Als Geschäftsleiterin der regionalen Geschäftsstelle Stegersbach sind Sie am aktuellen Geschehen nah dran. Wie würden Sie die Lage am Arbeitsmarkt beschreiben und wie wirkt sich die Coronakrise auf diese aus?

Marth: Ich bin nun seit über 30 Jahren beim AMS tätig und habe so einen rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit noch nie erlebt. Die Corona-Krise hat bisher große Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Aktuell sind im Bezirk Güssing 1620 Menschen arbeitslos gemeldet. In ganz Österreich ca. 540.000 Menschen. Die Menschen haben mit vielen beruflichen und privaten Faktoren zu kämpfen, wie eingeschränkte Kinderbetreuung, aufgrund geschlossener Schulen und Kindergärten, Ausgangsbeschränkungen bzw. Existenzängste, aufgrund weniger Einkommen oder Jobverlust. Auch unsere MitarbeiterInnen stellt die Krise vor eine Belastungsprobe, aufgrund der hohen Anzahl an Arbeitslosmeldungen und Anträgen bzw. Beratungen auf Kurzarbeit.

Videk: Welche Branchen trifft es besonders hart? 

Marth: Es betrifft alle nicht relevanten Branchen, d.h. von Großbetrieben bis zu Einzelunternehmen. Den höchsten Arbeitslosenanstieg verzeichnen jedoch die Branchen Tourismus und Gastgewerbe sowie Bauwirtschaft, weil Güssing als Auspendler Bezirk gilt, und Handel.

Videk: Wie schätzen Sie die kommenden Wochen bzw. Monate ein? Was wird uns erwarten?

Marth: Diese Frage ist schwer zu beantworten, da wir aktuell erst gut 3 Wochen mit dieser neuen Situation leben. Es hängt ganz von davon ab,  wie lange die Eindämmungsmaßnahmen der Bundesregierung andauern, ob sie verschärft oder gelockert werden. Sollten sie sich verlängern oder verschärfen, gehe ich davon aus, dass die Anzahl der Arbeitslosen weiter steigen wird. Bis dato ist auch zu erwähnen, dass viele Betriebe ihre ArbeitnehmerInnen aufgrund von Urlaubs- und Überstundenabbau, noch nicht freigesetzt oder zur Kurzarbeit angemeldet haben.

Sollten sich jedoch die Maßnahmen mildern, wird die Anzahl der Arbeitslosen sinken. Das neue Modell der Kurzarbeit-Covid-19 wird von sehr vielen Betrieben in Anspruch genommen. Die Betriebe haben dadurch den Vorteil, dass das geschulte Personal nach der Krise sofort wieder einsetzbar ist  bzw. während der Kurzarbeit bereits eingesetzt werden kann. Der Vorteil für die ArbeitnehmerInnen ist, dass sie ihren Arbeitsplatz behalten und somit mehr Geld bekommen, als in der Arbeitslosigkeit.

Videk: Welche Unterstützung können sich Arbeitslose vom AMS in der Zeit während der Krise erwarten?

Marth: Die MitarbeiterInnen sind sehr bemüht und kümmern sich um die Existenzsicherung aller arbeitslosen Menschen, sowie um die Kurzarbeitsbeihilfe. Das hat derzeit oberste Priorität! Beratung und Vermittlung gehören nachwievor zu unserem Kerngeschäft, das wird jedoch zurzeit nur telefonisch durchgeführt. 

Videk: Welche Maßnahmen werden Sie ergreifen, um die Abläufe im AMS und für die Arbeitslosen zu beschleunigen und vor allem zu erleichtern? Wird hier in Digitalisierung investiert?

Marth: Arbeitslosmeldungen können übers E-AMS Konto (mit Zugangsdaten), per E-Mail, über Finanzonline, per Post und telefonisch erfolgen. Zusätzlich wurde die Möglichkeit geschaffen, sich über die AMS-Homepage (ohne Zugangsdaten) arbeitslos zu melden. Alle MitarbeiterInnen arbeitet unter Hochdruck die Anträge auf Arbeitslosengeld zuzusenden und in weiterer Folge so rasch wie möglich die Leistung anzuweisen. Ebenso priorisiert wird die Prüfung der Anträge auf Kurzarbeit, um sie zur Genehmigung an die Landesgeschäftsstelle weiterzuleiten. An dieser Stelle ein großes Danke an die KollegInnen, für die tolle Teamarbeit und die hervorragende abteilungsübergreifende Zusammenarbeit in dieser herausfordernden Zeit.

Videk: Wie geht das AMS in Stegersbach mit der aktuellen Situation um? Wie wird die Gesundheit der Arbeitslosen und vor allem Ihrer MitarbeiterInnen geschützt?

Marth: Es gibt vor dem Haus Security, die/der darauf achtet, dass so gut wie keine persönlichen Kontakte im AMS Stegersbach stattfinden, zum Schutze der MitarbeiterInnen und auch der KundInnen. Ebenso zur Sicherheit der MitarbeiterInnen und zur Aufrechterhaltung des laufenden Betriebes, wurden zwei Teams gegründet, die abwechselnd im Homeoffice oder vom Büro aus arbeiten. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin hat ein eigenes Büro, Schutzmasken und Desinfektionsmittel werden zur Verfügung gestellt, Türen und Portale bleiben offen und Besprechungen finden nur im kleinen Kreis unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes statt bzw. mittels Telefonkonferenz. Was uns sicherlich zugute gekomme ist, war die rechtzeitige Planung, sowie die Arbeitsaufteilung vor Beginn der Eindämmungmaßnahmen der Bundesregierung. 

Videk: Welche Branchen sind aktuell gefragt, gebraucht und gesucht?

Marth: Vor allem in den versorgungskritischen Betrieben werden dringend MitarbeiterInnen gesucht. Das sind unter anderem die Post AG, Landwirtschaft, die Lebensmittelindustrie und der Sicherheitsdienst. Dazu gibt es einen Link auf der AMS-Homepage. Gesucht werden hauptsächlich Hilfskräfte.

Videk: Sie arbeiten im Homeoffice und Besprechungen finden in Telefonkonferenzen statt. Sind auch in Bezug auf KundInnen online Aus- und Weiterbildungen angedacht?

Marth: Derzeit ist seitens vom AMS und Partnerinstituten noch nichts geplant. Aufgrund der Krise hat der E-Learning Sektor eine ganz neue Bedeutung bekommen. Wie man bereits in anderen Bereichen beobachten kann, funktioniert E-Learning besser als gedacht und kann in Zukunft durchaus eine neue und ausbaufähige Lernmöglichkeit für Aus- und Weiterbildung bzw. Neuorientierung sein. Ich könnte mir vorstellen, dass in Zukunft arbeitslose Personen, die nicht mehr zu ihrem Arbeitsplatz zurückkehren können, sich mithilfe von E-Learning Plattformen neu orientieren bzw. aus- und weiterbilden.

Videk: Als Abschlussfrage eine persönliche Einschätzung von Ihnen: Denken Sie, dass vor der Krise nach der Krise ist? Beziehungsweise denken Sie, dass sich der Arbeitsmarkt in der Region schnell erholen wird?

Marth: Nach der Krise wird es noch ein langer Weg sein, um dorthin zurück zu gelangen, wo wir vor der Krise waren. Doch die Krise zeigt schon auf, dass die Leute zusammenhalten. Es ist schwer abzuschätzen und vorherzusagen, wie sich der Arbeitsmarkt in den nächsten Monaten entwickeln wird. Hier eine Wirtschaftsprognose abzugeben wäre unseriös. Es wird Betriebe geben, die sich schnell erholen und welche, die sehr lange brauchen werden, um wieder Fuß zu fassen. Viele Arbeitslose werden wieder in ihren Beruf zurückkehren, einige werden die Krise als Chance nutzen und sich neu orientieren, jedoch werden einige möglicherweise weiterhin beim AMS vorgemerkt bleiben. Zukunftsweisend wird sein, wie die Eindämmungsmaßnahmen der Bundesregierung fortgeführt werden. Bis dorthin, ist füreinander und miteinander die beste Unterstützung, die wir uns geben können! 

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